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Latenz und Vorhersagbarkeit

X-Plane berechnet eine komplexe Welt mit Physik, Wetter, Szenerie und Eingabegeräten. Dabei entscheidet nicht die maximale Rechenleistung über die Ergebnisqualität, sondern die zeitliche Vorhersagbarkeit — wie gleichmäßig jeder einzelne Frame berechnet wird. Dieses Kapitel erklärt, warum Latenz das eigentliche Problem ist und welche Systemquellen sie verursachen. Die drei Lastdimensionen (CPU, I/O, Netzwerk) und ihre Wechselwirkungen beschreibt das Kapitel Lastdimensionen.

Performance und Latenz — ein wichtiger Unterschied

Wer von „Performance" spricht, meint oft hohe FPS. Das ist bei Shootern oder Rennspielen richtig — dort zählt Durchsatz: möglichst viele Bilder pro Sekunde. Bei einem Flugsimulator wie X-Plane liegt der Fall anders.

X-Plane berechnet eine komplexe Welt mit Physik, Wetter, Szenerie und Eingabegeräten. Einzelne Frames sind aufwändig, und die Ziel-Framerate liegt typisch bei 25–35 FPS. Entscheidend ist nicht der Durchschnitt, sondern die Gleichmäßigkeit — also die Frame-Time-Konsistenz. Ein System, das stabil 35 FPS liefert, erzeugt flüssigere Bewegung als eines, das zwischen 25 und 50 schwankt.

Die Ursache für Ungleichmäßigkeit ist in den meisten Fällen nicht fehlende Rechenleistung, sondern Latenz — kurze Verzögerungen durch Systemereignisse, die den Hauptthread unterbrechen.

Typische Symptome schlechter Latenz:

  • Mikroruckler trotz stabiler CPU/GPU-Auslastung
  • Verzögerte Eingabereaktion (Joystick, Ruderpedale)
  • Inkonsistente Reaktionszeit bei gleicher Szene

Kernaussage: Bei X-Plane ist Latenzoptimierung wichtiger als Durchsatzmaximierung. Zeitliche Vorhersagbarkeit schlägt maximale Rechenleistung.

Latenzquellen verstehen

Systemlatenz entsteht nicht an einer Stelle, sondern aus vier unabhängigen Kategorien:

Kategorie Einfluss Typisches Symptom
Scheduling Verzögerter Threadstart Ruckler nach Lastspitzen
Energieverwaltung Aufwachlatenz aus Schlafzuständen Periodische kurze Unterbrechungen
Interrupts Konkurrenz um CPU-Zeit Ruckler bei I/O oder Eingabe
Speicher/IO Blockierende Hintergrundoperationen Stotterer beim Laden neuer Szenerien

Scheduling

Der Linux-Scheduler entscheidet, wann ein Thread Rechenzeit bekommt. Ein konservativer Scheduler wartet länger, bevor er reagiert — das spart Energie, erhöht aber die Latenz. Moderne Scheduler nutzen Deadline-basierte Aufgabenauswahl und adaptive Preemption, sodass latenzsensitive Threads effizienter eingeplant werden.

Energieverwaltung

Nicht die CPU-Last verursacht Ruckler, sondern Übergänge zwischen Energiestufen. Wenn ein Kern aus einem tiefen Schlafzustand aufwacht, entstehen Verzögerungen von bis zu mehreren hundert Mikrosekunden. Auch NVMe-SSDs im Energiesparmodus erzeugen spürbare Aufwachlatenzen (Details unter NVMe Energiesparen deaktivieren).

Interrupts

Hardware-Interrupts (USB-Geräte, Netzwerk, Storage) unterbrechen den laufenden Thread. Ein einzelner Interrupt zur falschen Zeit kann eine Frame-Deadline verletzen:

periodischer Hauptthread + zufälliger Interrupt = verpasste Deadline

Speicher/IO

Der Kernel optimiert Durchsatz durch gebündelte Hintergrundarbeit (Writeback, Cache-Bereinigung, Paging). Das erzeugt seltene, aber spürbare Blockierungen — besonders beim Laden großer Ortho-Texturen.


Weiterführende Kapitel

Thema Seite Schwerpunkt
Kernel-Tuning Kernel-Tuning Konkrete Parameter für beide Kernel-Profile
Lastdimensionen Lastdimensionen CPU, I/O, Netzwerk — Engpässe erkennen
CPU & RAM CPU & RAM Threading-Modell, Hauptthread als Engpass
GPU & VRAM GPU & VRAM Frame-Time-Perzentile, VRAM-Druck
Low-Latency-Kernel Liquorix Scheduler, Preemption-Tuning
Warum Latenz zählt Warum Latenz zählt Einführung und Video
Monitoring System Monitoring Latenz messen und verifizieren